Das Dilemma mit der Liebe

von | 12.11.2017 | Allgemein, Gedanken

Immer wieder höre ich in Liedern, Gedichten und Gesprächen die Frage ob es wohl Liebe sei. Und da komm ich und habe ein viel grundsätzlicheres Problem: WAS IST LIEBE?
Nun, zunächst ist Liebe ein Wort. Eines von rund 23 Millionen deutscher Wörter, wenn man dem Duden Glauben schenken kann. Anfang 2013 kamen Linguisten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften der realen Vielfalt des deutschen Wortschatzes auf 5,3 Millionen deutsche Wörter. So hat nun der deutsche Duden im Frühjahr 2017 folgendes veröffentlicht: „Das Dudenkorpus hat nach heutigem Stand (Frühjahr 2017) einen Umfang von knapp 23 Millionen Wörtern (Grundformen).“

Schön, Liebe ist also ein Wort. Damit kann ich umgehen, das verstehe ich, das kann ich greifen.

Aber wars denn das schon? Sicher nicht! Sonst wären nicht unzählige Lieder, Gedichte und Briefe rund um die Liebe geschrieben und verfasst worden. Aber was genau ist nun diese Liebe? Diese Frage beschäftigt mich immer wieder und gerade im Besonderen. Also gehe ich das ganze einmal „modern“ an und Frage Google. Zunächst gebe ich nur das Wort Liebe ein. Der erste Treffer ist – wie könnte es auch anders sein – der zugehörige Wikipedia Eintrag, der da lautet:

Liebe (über mhd. liep, „Gutes, Angenehmes, Wertes“ von idg. *leubh- gern, lieb haben, begehren[1]) ist eine Bezeichnung für stärkste Zuneigung und Wertschätzung.

Nach engerem und verbreitetem Verständnis ist Liebe ein starkes Gefühl, mit der Haltung inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person (oder Personengruppe), die den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt und sich in der Regel durch eine entgegenkommende tätige Zuwendung zum anderen ausdrückt. Das Gefühl der Liebe kann unabhängig davon entstehen, ob es erwidert wird oder nicht. Hierbei wird zunächst nicht unterschieden, ob es sich um eine tiefe Zuneigung innerhalb eines Familienverbundes (Elternliebe, Geschwisterliebe) oder um eine Geistesverwandtschaft handelt (Freundesliebe, Partnerschaft) oder aber um ein körperliches Begehren gegenüber einem anderen Menschen (Eros). Dieses Begehren ist als körperliche Liebe eng mit der Sexualität verbunden, die jedoch nicht unbedingt auch ausgelebt zu werden braucht (vgl. platonische Liebe).“

AHA! Liebe ist also platonischer Sex, ein starkes Gefühl der Verbundenheit zu einzelnen oder mehreren Menschen und kann durchaus einseitig sein. Auch das ist für mich noch halbwegs greifbar. Stellt mich aber noch nicht zufrieden. Das ist einfach nur eine Begriffsdefinition die Alles aber auch Garnichts beinhalten kann. Dazu kommt, der inflationäre Gebrauch dieses Wortes. Des Wortes das doch eigentlich wunderbare Verbindungen und Gefühle beschreiben soll – zumindest sagt mir das Wikipedia. Wobei! Wenn Liebe auch einseitig Liebe sein kann, dann ist es doch eher ein furchtbares Wort. Nicht erwiderte oder schlimmer noch, nicht einmal erkannte Liebe müssen doch dem Liebenden unsägliche Schmerzen und Qualen bereiten – was ist denn dann noch so wundervoll an dieser LIEBE? Somit komme ich auch hier zu dem Schluss, dass auch dies nicht die Bedeutung von Liebe sein kann. Zumindest nicht alleine und ausschließlich.

Also zurück und zu Google und die Eingabe ändern auf „Liebe ist“ und ich klicke auf das erste Ergebnis und lande auf  www.liebesprueche.me

As das hätte ich mir echt sparen können. Hier erscheinen Plattitüden wie:

„Liebe ist Hoffnung. Liebe ist Glück. Liebe holt manche ins Leben zurück. Liebe ist Freiheit. Liebe ist verstehen – auch Du wirst sehen: Liebe ist schön!“
Autor: unbekannt

„Liebe ist der Zement, mit dem wir aus den Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, unser gemeinsames Traumhaus bauen!“
Autor: Lala

„Liebe ist wie wandern. Wer den Gipfel besteigen will, muss auch die Täler durchwandern! ❤️“
Autor: Unbekannt

Mir wird schlecht und ich kann plötzlich verstehen, warum unter den meisten Plattheiten steht: AUTOR UNBEKANNT. Auch die folgenden Ergebnisse sind ähnlich ernüchternd. SMS Sprüche, Die besten 25+ Liebe ist Ideen auf Pinterest, welcher Liebe ist – Spruch steht für Deine Beziehung und ähnlichen Unfug. Doch dann fällt mein Auge auf einen Eintrag vom Spiegel bzw. dem Spiegelableger NEON, der da lautet: „Liebe: Fünf Paare erklären, woran Du merkst, dass es Liebe ist“. Ui wie spannend – ich klicke auf den Link und sofort schreit mich eine Werbung Yves Saint Laurent mit dem Wort „WHY?“ an! Na wie passend. Ich hatte vorher relativ laut Musik gehört und muss zugeben, das hat mich dann doch etwas erschreckt. Aber zurück zum Thema.  Gleich zu Beginn lese ich dort: „Am Anfang ist da das Kribbeln.“ Scheiße denk ich mir-  wenn es bei mir kribbelt habe ich Insekten aufm Arm. Sofort stellt sich mir die Frage, ob ich dann in all meinen Jahren noch nie geliebt habe, denn gekribbelt hat es bei mir nie. Nun folgen Liebesbeschreibungen amerikanischer Paare aus einer Studie die ursprünglich die New York Times durchgeführt hatte. Klar können auch Amerikaner lieben denke ich mir. Aber das hat (so auch hier) bei den Amis immer so einen schwülstigen mit Pathos getränkten Beigeschmack, das ich unwillkürlich denke, jede dieser Geschichten könnte das Short Skript für eine Hollywoodromanze abgeben.

Also erneut nichts, dass MIR weiterhilft, bei meiner (ich möchte sie jetzt nicht verzweifelt nennen) Suche nach der Bedeutung der Liebe. So sitze ich gerade hier und bin ziemlich ernüchtert und doch auch amüsiert.  Doch schon jetzt zeigt sich mir, dass es wohl nicht so einfach ist dieses kleine Wort zu erklären. Scheint mir ein wichtiges kleines Wort zu sein. Darum beschäftigt es mich ja auch.

Bevor ich bei den großen Denkern nachlese, was diese zum Thema zu sagen hatten, gebe ich Google noch eine letzte Chance mit der ultimativen Frage „was ist Liebe?“ Zunächst erschlägt mich ein eingeblendeter Wörterbucheintrag und wieder Wikipedia und diverse Ratgeber zum Thema Liebe. Auf den ersten Blick erneut nichts wirklich Hilfreiches. Doch dann sehe ich auf Platz zwei den Eintrag: Was ist Liebe? Erstaunliche Antworten! – changenow.

Hier geben Kinder wieder was sie unter Liebe verstehen und ich darf ganz ehrlich und aus vollem Herzen sagen – DAMIT KONNTE ICH ETWAS ANFANGEN! Hier einige meiner liebsten Aussagen:

„Als meine Oma Arthritis bekam, konnte sie sich nicht mehr bücken, um ihre Fußnägel zu lackieren. Mein Opa macht es jetzt immer, sogar als auch er Arthritis in seinen Händen bekam. Das ist Liebe.“ (Rebecca, 8 Jahre)

„Wenn dich jemand liebt, sagen sie deinen Namen anders. Du weißt, dein Name ist in ihrem Mund gut aufgehoben“. (Billy, 4 Jahre)

„Liebe ist, wenn du mit jemandem zum Essen ausgehst und du die meisten deiner Pommes Frites hergibst, ohne dass sie dir welche von ihren geben müssen“. (Chrissy, 6 Jahre)

„Liebe bringt dich zum Lächeln, wenn du eigentlich müde bist“ (Terri, 4 Jahre)

„Wenn Mama dem Vati das beste Stück vom Hähnchen gibt, das ist Liebe.“ (Elaine, 5 Jahre)

Das sind Erklärungen, die ich begreifen und verstehen kann! Aber auch wieder nur ein kleiner Teil. Stellt sich also die Frage, ob mir die großen Dichter und Denker weiterhelfen können. So mache ich mich weiter auf die Suche und werde als bald fündig.

So soll Goethe gesagt haben:

Es ist mit der Liebe wie mit dem Leben, wie mit dem Atemholen. Freilich ziehe ich die Luft in mich. Willst du das auch Eigennutz nennen? Aber ich hauche sie wieder aus und sage mir, wenn du in der Frühlingssonne sitzest und für Wonne dein Busen stärker atmet, ist das Hauchen nicht eine größere Wonne als das Atemholen; denn das ist Mühe, jenes ist Ruhe?“

Tiefsinnig, altmodisch und nicht mehr aktuell – find ich. Aber auch das ist wieder nur meine persönliche Meinung.

George Bernard Shaw hat da ein paar Dinge gesagt, mit denen ich mich identifizieren kann oder die ich zumindest gut nachvollziehen kann:

Liebe ist die einzige Sklaverei, die als Vergnügen empfunden wird.“

 „Liebe auf dem ersten Blick ist ungefähr so zuverlässig wie Diagnose auf den ersten Händedruck.“

„Liebe ist die Fähigkeit, den Menschen, die uns wichtig sind, die Freiheit zu lassen, die sie benötigen umso zu sein zu können, wie sie sein wollen. Unabhängig davon, ob wir uns damit identifizieren können oder nicht.“

Das letzte Zitat von Ihm trifft mich- betrifft mich. Das ist in etwa das, was ich unter Liebe verstehe. Zumindest ein wesentlicher Teil davon. Neben Schmerz, Leiden und Verbohrtheit.

Hermann Hesse hat einmal etwas gesagt, das mich im Besonderen betrifft. Zumindest im Zusammenhang mit meiner Berufung und Arbeit:

„Der Anfang aller Kunst ist die Liebe. Wert und Umfang jeder Kunst werden vor allem durch des Künstlers Fähigkeit zur Liebe bestimmt.“

Ich möchte das an dieser Stelle nicht weiter kommentieren. Einfach nur so stehen lassen und es gut finden.

Ich könnte jetzt noch unzählige Zitate und Gedichte oder Passagen aus Lidern zitieren. Aber das hilft mir nicht wirklich. Denn entweder trifft es für mein Empfinden gar nicht zu, oder es beinhaltet nur Teile von dem was ich empfinde, denke oder fühle. Ich werde keine Antwort für mich finden. Egal wie lange ich das Netz oder Bücher durchstöbere.

Es stellt sich die Frage, kann ich überhaupt lieben, wenn ich für mich nicht wirklich weiß was liebe ist? Ich denke – oder sagen wir ich hoffe sehr – dass es so ist. Ich kann auf jeden Fall viel geben, wenn ich eine emotionale Verbindung zu einem Menschen habe. Ob das immer Liebe ist weiß ich nicht. Liebe hat für mich auch nichts mit „verliebt sein“ zu tun. Verliebt sein hat für mich immer den Anstrich eine rosa Wolke, das dumpfe Gefühl von erstickendem Dauerglück und Schmetterlingen im Bauch. Ist in etwas so wie die Insekten auf dem Arm. Hat für mich aber nichts mit Liebe zu tun. Das ist verklärtes Wunschdenken und geht bis zum zerstörerischen Selbstbetrug.

Meine Empfindungen und meine Definition, aus Erfahrung genährt, lautet also:

„Liebe ist Leidenschaft, Kampf, gemeinsame Erfahrungen, Austausch, Kind sein dürfen, Leben lieben, Streit, Auseinandersetzung, Enttäuschung, Verletzung und Versöhnung und vor allem ganz viel Toleranz. Und immer wieder kommt auch eine Prise Hass dazwischen-aber meist auf mich selbst …“

Nach all der Sucherei und auch der Finderei im Internet habe ich mich noch an einen Song aus den 80ern erinnert. Er stammt von Pat Benatar aus dem Jahre 1983 und trägt einen Titel, der mein Empfinden (nicht Wissen) der Liebe am besten trifft:

LOVE IS A BATTLEFIELD

Jan Klug-Offermann, im November 2017

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